Expertenecke

Autorin: Heike-Marei Heß, künstlerische Leitung der Werkstatt-Galerie 37

Haben Sie schon einmal versucht, aus einem Klumpen Ton eine Schale aus der Hand zu formen? Dann wissen Sie um die Tücken des Materials. Der Anfang ist leicht: Ausgehend von einer Kugel gelangt man zur Daumenschale, die zu Beginn etwas plump und dickwandig daherkommt. Die Gefäßwand im Zangengriff, lässt sich die Wandstärke durch Druck verringern sowie die Höhe und Weite des Gefäßes vergrößern. Dabei trocknet der Ton leicht aus, die Gefäßwand wird rissig. Wer versucht, mit Hilfe von Wasser die Geschmeidigkeit des Tons wiederherzustellen, kann das Aufweichen der Gefäßwand und schlimmstenfalls das völlige Zusammenfallen der Form erleben. Spätestens an diesem Punkt möchte man das Ganze am liebsten der Obhut Radegundis, der Schutzpatronin der Keramiker, überlassen.

Was schon sehenden Auges nicht leicht zu bewältigen ist, stellt für Menschen mit Sehhandicap eine echte Herausforderung dar. Die Alternative ist, ein schon vorhandenes Gefäß abzuformen oder den Ton in eine Gipsform einzudrücken. Und so geht’s:

1) Man braucht neben seinen Händen Ton, eine Eindrückform aus Gips (Keramikfachhandel) oder alternativ eine Schale aus dem eigenen Haushalt, einen Kunststoffbehälter, etwas Wasser, ein kleines Messer, ein Schwämmchen, eventuell eine Gumminiere, einen Teelöffel und etwas Geduld. Während der Ton direkt in die Gipsform eingelegt werden kann, müssen Gefäße aus Kunststoff oder Porzellan zwingend mit Folie ausgelegt werden, denn das fertige Tonobjekt lässt sich sonst nicht aus der Form lösen. Der Arbeitsplatz wird abgedeckt, die Werkzeuge in einer Box bereitgestellt – und dann geht es los.

2) Beim Formen der etwa murmelgroßen Kugeln aus Ton gilt: Je größer die Kugeln, desto dicker die Gefäßwand und desto schwerer die Schale. Hat man in einem extra Behältnis ausreichend Kugeln gesammelt, folgt im zweiten Schritt das Auslegen der Form. Mittig am Boden beginnend, werden die Kugeln möglichst dicht aneinandergelegt und ganz leicht angedrückt.

3) Ist die ganze Schale bis zum Rand ausgekleidet, schließt sich im nächsten Schritt das Glätten der Gefäßinnenseite an. Mit dem Daumen werden die Kugeln flach gedrückt und mit einer Seitwärtsbewegung wird der Ton verstrichen. Beulen und Dellen lassen sich leicht ertasten und durch Verschieben des Tons ausgleichen, größere Löcher können mit kleinen Tonstücken aufgefüllt werden. Vorsicht, dabei darf keine Luft eingeschlossen werden! Die Luft würde sich beim Brennen ausdehnen und den Ton an dieser Stelle absprengen.

4) Jetzt ist Geduld gefragt, bis die Schale Feuchtigkeit verloren hat und dadurch stabiler geworden ist. Am besten, man lässt die Form locker in Folie eingepackt bis zum nächsten Tag stehen. Mit einer Gumminiere kann die Innenseite des Gefäßes jetzt nachbearbeitet werden. Alternativ leisten auch die eigenen Finger oder ein Teelöffel (die gewölbte Seite zeigt zur Tonoberfläche) gute Dienste.

5) Das Lösen der Schale aus der Gipsform ist ganz einfach. Der Gips hat dem Ton Feuchtigkeit entzogen, die Schale ist geschrumpft und lässt sich leicht aus der Form entnehmen. Bei Verwendung einer Form aus anderem Material entnimmt man die Schale mithilfe der eingelegten Folie. Jetzt lassen sich auch der Rand und die Außenseite der Schale bearbeiten. Mit einem feuchten Schwämmchen kann man über den Rand gehen und kleine Unebenheiten glätten.

6) Die Kugelstruktur auf der Außenseite macht die Schale zu einem Hingucker und ist auch haptisch interessant. Wer eine gebundene Fläche vorzieht, setzt ein kleines Messer oder eine alte Kreditkarte im flachen Winkel an und streicht von unten nach oben mit leichtem Druck die Außenwand glatt.

7) Nach dem vollständigen Trocknen erfolgt bei 960 Grad Celsius der Schrühbrand. Im Ton gebundene Feuchtigkeit entweicht, der Ton wird stabil, ist jedoch noch porös und wasseraufnahmefähig. Im Anschluss wird die Schale glasiert und nochmals im Ofen bei 1.040 Grad Celsius glatt gebrannt. Fertig! Statt Kugeln kann man auch kleine Spiralen verwenden, die man vorher aus Tonwülsten aufgerollt hat.

 

 

Autorin: Sieglinde Seiffert, Deutschlehrerin

Dienstagvormittag: Deutschkurs für unsere blinden und sehbehinderten Migrantinnen und Migranten. Alle haben bisher nur Arabisch gesprochen und besuchen seit einigen Monaten unseren Deutschkurs. Heute wollen wir einen Dialog im Supermarkt lesen und bearbeiten. Dazu teile ich die Gruppe. Die fünf sehbehinderten Teilnehmenden bearbeiten den Text selbstständig mithilfe von vergrößerten Kopien oder Lesegeräten. Herrn A. und Herrn R., beide blind,  lese ich den Text zunächst vor. Um die anderen nicht zu stören, gehen wir dazu in einen anderen Raum. Los geht‘s!

 

Erster Satz: „Junger Mann, Sie haben meinen Einkaufswagen genommen!“

Erste Frage: „Frau Seiffert, was ist Einkaufswagen?“

Nun, ein Einkaufswagen… Zur Erklärung des Wortes greife ich auf die bereits vorhandenen Vokabelkenntnisse zurück. Aber:

„Ich verstehe nicht.“

Jetzt gehe ich über das Wort „Kinderwagen“ – schließlich haben beide kleine Kinder – um über den „Wagen“ zum „Einkaufswagen“ zu gelangen. Der Erfolg bleibt aus.

„Frau Seiffert, ich verstehe nicht.“

Was tun?

 

Ich mache mich auf den Weg zur anderen Lerngruppe. Vielleicht kann mir dort jemand „Einkaufswagen“ auf Arabisch übersetzen. Hoffnungsvoll öffne ich die Tür, aber mir schallt mehrstimmig entgegen: „Frau Seiffert, was ist Einkaufswagen?“ Aha. Dieser Plan funktioniert also nicht. Handys sind im Unterricht nicht erwünscht, aber wir greifen jetzt zur stets letzten Maßnahme. Herr M. zückt sein Mobiltelefon und nutzt die Übersetzungsapp. „Frau Seiffert, buchstabieren Sie bitte!“

 

Aaahh! Ein arabisches Wort flattert durch den Raum und es herrscht Klarheit bei allen, nur nicht bei mir. „Wie heißt das Wort?“ Ich möchte es schließlich Herrn A. und R. mitteilen. Dazu muss ich es aber hier erst einmal nachsprechen. Erster Versuch: Heiterkeit im Raum. „Nein, Frau Seiffert. Noch einmal.“ Peinlich, peinlich. Dabei will ich doch einfach nur nachsprechen, was ich gehört habe. Aber so ein arabisches Wort ist für die deutsche Zunge eine echte Herausforderung. Und hat mein deutsches Ohr die arabischen Laute auch richtig gehört?

 

Zweiter Versuch: „Ja, das ist ein bisschen gut.“ Alle freuen sich über meinen Lernerfolg. Ich eile zu den Herren A. und R. und sage mein frisch gelerntes arabisches Wort für „Einkaufswagen“. „Frau Seiffert, ich verstehe nicht.“ Oh. Da sind mir wohl einige Konsonanten unterwegs durcheinandergerutscht. Also zurück! „Bitte noch einmal das Wort!“ Wieder Heiterkeit im Raum. Mich packt der Ehrgeiz. Nein, danke für das Angebot der Begleitung, aber ich möchte es selbst sprechen und mitteilen können. Diesmal spreche ich dreimal nach, bis alle zufrieden sind. Das Wort vor mich hin murmelnd mache ich mich wieder auf den Weg zu den Herren A. und R. Jetzt kann ich glänzen! „Ach so! Wie Kinderwagen, aber im Supermarkt für Einkaufen!“ „Ja genau! Super!“ Und weiter im Text!

 

Nach dem Unterricht räume ich das Material zusammen und komme dabei ins Grübeln. Wie schwer war es für mich, dieses eine Wort einfach nur nachzusprechen! Und überhaupt: Wie heißt das Wort? Ich habe es schon wieder vergessen. Ein einziges Wort! Ich stelle mir vor: In meiner Heimat ist Krieg. Ich werde verletzt und komme blind in ein Land, dessen Sprache und Schrift mir völlig unbekannt sind. Wo fängt ein Wort an, wo hört es auf? Höre ich gerade ein Wort oder einen Satz? Ich kann mich an nichts festhalten, nur an dem, was ich höre und an meinem Gedächtnis. Würde mich das mutlos machen?

 

Respekt, liebe Kursteilnehmenden! Zusätzlich zur Orientierung in einem fremden Land, der Trauer über Ihre verlorene Heimat, der Bewältigung von Verletzungen und Krankheiten und, und, und… leisten Sie unglaublich viel!

 

Autor: Martin Kirchner, ehemalige Lehrkraft für hilfsmittelgestützte EDV

Im Juni 2009 machte die Markteinführung der "Bedienungshilfen" bei allen seither eingeführten Mobilgeräten von Apple auch die Zugangshilfe "Voiceover" zu einem bis heute gültigen Weltstandard. Aber auch ein Weltstandard kann manchmal zur Nervensäge mutieren, wenn er sich - im Falle Voiceover mit gesprochenen Worten - genau dann meldet, wenn dies nun gerade gar nicht passt, z. B. während eines Meetings.

Einfach weghören und den tönenden Fauxpas schlicht aussitzen? Nicht wirklich prickelnd. Das iPhone aus der Tasche kramen und komplett ausschalten? Auch nicht immer sinngebend.

Doch schon seit der Einführung in 2009 gibt es eine Maulkorb-Geste, die Voiceover bei Bedarf sofort und angenehm diskret zum Schweigen bringt:

Sobald Voiceover, egal ob auf dem Homescreen oder innerhalb einer App, gerade unpassender Weise losplaudert, einfach mit zwei Fingern einmal irgendwo das Display des iPhones berühren. Voiceover wird sofort unterbrochen. Ein erneutes Berühren des Displays mit zwei Fingern setzt die Sprachausgabe wieder in Gang, und zwar genau an der Stelle, wo sie zuvor unterbrochen wurde.

Autor: Martin Kirchner, ehemalige Lehrkraft für hilfsmittelgestützte EDV

Blind als Fußgänger im Straßenverkehr mit Sounds auf den Ohren? Besser nicht. Die Umgebungsgeräusche sind weg und der Verkehr kann sehr schnell zu einer höchst gefährlichen Erfahrung werden.

Doch was ist stattdessen mit Sounds vor den Ohren, sodass man nicht nur die Sounds, sondern auch die Umgebungsgeräusche wahrnehmen kann? Das geht durchaus, denn hier kommen Headsets mit Knochenleit-Technologie ins Spiel. Die Tonsignale des Gerätes, mit dem das Headset verbunden ist, werden dabei über speziell konstruierte Wandler aufs Schläfenbein übertragen. Dadurch werden sie gleichzeitig indirekt, also quasi als weitere Geräuschquelle, zusammen mit den bereits vorhandenen Geräuschen wahrgenommen.

Neben einigen kabelgebundenen Modellen sind heute die per Bluetooth-Anbindung arbeitenden Headsets besonders beliebt. Mein persönlicher Favorit ist das "auvisio Headset BC-40.sh". Neben den schon beschriebenen Eigenschaften verfügt dieses Headset über ein hohes Maß an mehrfach getesteter Wasserfestigkeit und einem überdurchschnittlich hohen Tragekomfort.

Das Headset erhalten Sie bei größeren Online-Versandportalen.